Ein neuer Alltag
Der Camino gibt dir nicht das, was du willst, sondern das, was du brauchst. Eine Aussage, deren wahre Bedeutung man erst auf dem Weg begreift und die mich bis heute begleitet.
Aber wie sieht ein typischer Tag auf dem Jakobsweg eigentlich aus – und gibt es überhaupt so etwas wie einen Alltag?
Tatsächlich wird fast alles, was wir sonst im Leben so machen, auf dem Jakobsweg nebensächlich.
Es ist, als würde man in ein Paralleluniversum eintauchen. Es gibt keine festen Termine, die einzuhalten sind. Keine Aufgaben, die dringend erledigt werden müssen, bevor man sich wieder den schönen Momenten des Lebens widmen kann. Und es gibt – sofern man diese Reise alleine antritt – niemanden, der Einfluss auf den eigenen Tagesablauf nimmt. Oft ist das zunächst eine sehr ungewohnte Situation.
Dennoch hat der Tag eine gewisse Struktur: Schlafen, die Tagesetappe gehen, zwischendurch essen sowie die eigene Körperpflege und das Waschen der (wenigen) Kleidungsstücke. Eine überschaubare Anzahl an Aufgaben also. Und genau darin liegt wahrscheinlich auch das Erfolgsrezept des Weges. Denn schafft man es, alle anderen „Notwendigkeiten“ loszulassen, bleibt sehr viel freie Zeit. Zeit, in der Gedanken und Gefühle wieder Raum bekommen können. Man sie voll und ganz zulassen und ausleben kann. Und manchmal ergibt sich daraus auch die eine oder andere Erkenntnis oder Entscheidung für das eigene Leben.
Dem Weg vertrauen
Der Camino Portugues war mein Anfang. Inzwischen bin ich sechs Jakobswege in Portugal, Spanien und Deutschland gelaufen. Just in diesem Moment befinde ich mich auf dem siebten Jakobsweg in Südfrankreich.
Genau das beschriebene Loslassen von vermeintlichen Verpflichtungen war rückblickend meine größte Herausforderung. Ehrlicherweise ist sie das bis heute, auch wenn es inzwischen leichter geworden ist.
Als ich den Camino Portugues begann, hatte ich unzählige Sorgen und Ängste – und die bezogen sich nicht nur auf meine körperliche Verfassung.
Eine meiner großen Verpflichtungen im Leben war (und ist) es nämlich, es anderen Menschen recht zu machen. Ihnen ein gutes Gefühl zu geben. Damals aus der Annahme heraus, dass ich nur so akzeptiert und gemocht werden könnte.
Also zwang ich mich durch meine Maßnahmen dazu, genau diese Verpflichtung so klein wie möglich zu halten. Und das schürte Angst. Die Angst, alleine zu sein. Keinen Anschluss zu finden. Alleine mit mir selbst, meinen Gedanken und Gefühlen zu sein, sobald ich mich einmal auf das Abenteuer einlasse. Dabei war von Anfang an klar, dass ich Social Media und sämtliche Messengerdienste für die anstehenden zwei Wochen deaktiviere. Dazu die Tatsache, dass ich alle Unterkünfte vorab gebucht hatte. Ich musste jeden Tag alleine starten und alleine beenden.
Die ersten zwei Tage genoss ich es noch, nur mit mir selbst zu sein. Ich spazierte entlang der Atlantikküste, hörte das laute Meeresrauschen, fühlte den Wind auf meiner Haut, führte ein paar oberflächliche Konversationen und begann, mich selbst mehr zu spüren. Doch dann holte mich das Gefühl von Einsamkeit ein. Wie passend, dass genau auf dem Höhepunkt dieses Gefühls ein sehr freundlicher Münchner meinen Weg kreuzte. Er setzte sich zu mir auf eine Bank am Strand, wir unterhielten uns eine Weile und beschlossen, unser Gespräch bei einem Kaltgetränk in der nächsten Bar fortzuführen. Es war kein Smalltalk, sondern direkt ein Gespräch über unsere Gründe, den Weg zu gehen. Ich fühlte mich wohl und wir beschlossen, noch einige Kilometer gemeinsam zu laufen. Das musste also so eine typische Jakobsweg-Begegnung sein, von der meine Freundin erzählt hatte. Eine von denen mit Nachhall. Wir hatten eine gute Zeit – bis meine Herberge am Wegesrand auftauchte. Er versuchte mich davon zu überzeugen, dass ich meine Herberge stornieren sollte. „Komm mit mir. Wir haben so eine gute Zeit zusammen. Der Camino ist doch genau für so spontane Entscheidungen da!“ Irgendwie hatte er recht. Aber wäre es dann wirklich meine Entscheidung gewesen oder nur der Wunsch, ihm gerecht zu werden? Ich war mir nicht sicher. Wir gingen an meiner Herberge vorbei, etwa einen Kilometer weiter bis zu einer weiteren Bar. Ich überlegte. Er sagte mir noch einmal, ich solle mir doch einen Ruck geben. Doch irgendwas in mir wollte zurück in die Herberge. Es war ein Bauchgefühl. Nicht mehr und nicht weniger. Also entschied ich mich, Abschied zu nehmen und die Strecke zurückzugehen. Meinen Tag in der gebuchten Herberge wie geplant zu beenden.
Es war die richtige Entscheidung. Noch am Abend traf ich in genau dieser Herberge auf Menschen, die mich den Rest des Weges bis Santiago de Compostela begleiten sollten. Mal übernachteten wir zufällig in den gleichen Herbergen, an anderen Abenden trafen wir uns zum gemeinsamen Essen und Verarbeiten des Erlebten. Und manche von ihnen darf ich bis heute meine Freunde nennen.
Den Münchner traf ich auch noch einmal wieder. Unsere Verbindung war wirklich nur für unser erstes Aufeinandertreffen vorgesehen. Wir konnten nicht mehr da anknüpfen, wo wir aufgehört hatten. Dennoch bin ich auch für diese Begegnung dankbar. Dort habe ich zum ersten Mal gezeigt bekommen, dem Weg – oder besser gesagt, mir selbst – zu vertrauen. Ich habe damals an dem Tag genau das bekommen, was ich gebraucht habe. Eine Situation, die mir bewiesen hat, auf mein Bauchgefühl zu vertrauen.
Von solchen Schlüsselerlebnissen durfte ich noch einige auf meinen Jakobswegen erleben. Mal waren sie klein und banal, dann wieder sehr groß und lebensverändernd. Eines hatten sie gemeinsam: Ich konnte immer ein Stück weit mehr meinen alten emotionalen Ballast loslassen. Mein Rucksack wurde leichter. Und auch den mitgenommenen Stein konnte ich eines Tages mit einem guten Gefühl ablegen.
Ein Mitpilger sagte mir mal: „Jeder Mensch, den du triffst, ist ein Lehrer für eine andere Lektion in deinem Leben!“ Das würde ich inzwischen genauso unterschreiben. Neben dem Raum, den man für sein Innerstes bekommt, sind es die zwischenmenschlichen Begegnungen, die einem dabei helfen, sich selbst besser zu verstehen und daran zu wachsen.
Alle Wege enden in Santiago de Compostela. Den Vorplatz der Kathedrale zu betreten, verursacht bis heute eine innerliche Explosion an Gefühlen in mir. Es sind Freude, Stolz und Liebe. Gleichzeitig aber auch Wehmut und Trauer, dass die erlebnisreiche Zeit nun ein Ende finden muss. Wer möchte, pilgert ab Santiago noch weiter bis nach Muxia und Finisterre, dem Ende der alten Welt. Dieser Weg hat nochmal seine eigene Magie, ist weitaus spiritueller und weniger christlich. Spätestens am Cap Finisterre, wenn sich Pilger:innen in den Armen liegen, jemand Musik auf der Gitarre spielt und die Sonne untergegangen ist, endet der Jakobsweg auch hier.
Aber ist die Reise wirklich genau dort zu Ende – oder beginnt der wahre Camino nicht doch erst nach Santiago?