Michael Thoms

Michael und ich fanden über andere Accounts bei Instagram zueinander und ich sage euch, er läuft ganz schön was weg 😀 Daher fragte ich nach dem  Interview mit ihm um mehr zu erfahren. Nebenher betreibt er auch den Queermarsch, eine Wander community wo es ums zusammen erleben geht. Verlinke ich unten. Nun viel Spaß beim lesen. 

" ich antworte vielleicht nicht ganz brav entlang der Schablone, weil mir beim Wandern gerade wichtig ist, manche Schablonen zu zerlegen "

1. Wie und wann begann deine Wanderleidenschaft?

Eigentlich begann sie nicht mit einem großen Plan, sondern mit dem Bedürfnis, draußen wieder mehr bei mir selbst anzukommen. Ich war schon immer jemand, der Bewegung, Denken, Sprache, Landschaft und Menschen miteinander verbindet. Richtig intensiv wurde es, als aus normalen Wanderungen immer längere Strecken wurden: erst neugierig, dann ehrgeizig, dann lernend – und irgendwann auch kritisch gegenüber dem, was in der Wander- und Extremsportblase manchmal als „Stärke“ verkauft wird.

Für mich ist Wandern kein Fluchtprogramm aus dem Alltag. Es ist eher eine Form, Wirklichkeit anders zu betreten: mit dem Körper, mit dem Kopf, mit Unsicherheit, mit Humor, manchmal mit Schmerzen, aber hoffentlich nie mit der Ideologie, dass Schmerz allein schon Sinn stiftet.

2. Seit wann organisierst du Queermarsch, und was ist das?

Queermarsch ist ein offenes Wanderprojekt, bei dem es nicht darum geht, wer die härtesten Beine, die teuerste Ausrüstung oder die lauteste Heldengeschichte mitbringt. (Außerdem bin ich nur einer unter vielen.) Es geht um gemeinsame Bewegung, Sichtbarkeit, Zugehörigkeit und darum, dass Wandern nicht nur denen gehört, die ohnehin in jede Outdoorgruppe mühelos hineinpassen.

Viele Menschen fühlen sich in klassischen Wander- oder Sportkontexten nicht vollständig willkommen: wegen Auftreten, Körper, Tempo, Geschlecht, Queerness, Alter, Unsicherheit, Vorerfahrung oder einfach, weil sie keine Lust auf Leistungstheater haben. Genau da setzt Queermarsch an. Wir gehen zusammen, aber niemand muss sich beweisen. Man darf stark sein, langsam sein, zweifeln, abbrechen, wiederkommen, lachen, lernen. Das ist kein Nebenaspekt, sondern der Kern.

3. Genusswanderer oder sportlich unterwegs?

Diese Gegenüberstellung nervt mich ehrlich gesagt ein wenig. Warum sollte Genuss das Gegenteil von sportlich sein?

Ich kann 77 oder 110 Kilometer gehen und trotzdem genießen. Ich kann Höhenmeter ernst nehmen, ohne sie zu hassen. Ich kann ambitioniert sein, ohne mich selbst zu verachten, wenn der Körper Grenzen meldet. Ich möchte nicht erst dann genießen, wenn der Schmerz vorbei ist. Ich möchte auch innerhalb der Anstrengung klug, wach und lebendig bleiben.

Sportlich: ja. Genussvoll: ja. Aber nicht im Sinne von „Panzer durch den Wald“, Disziplin um jeden Preis und anschließend ein heroischer Post über Leiden. Mich interessiert eher smartes Gehen: Technik, Rhythmus, Wahrnehmung, Anpassung, Pausen, mentale Beweglichkeit.

4. Was nimmst du aus Wanderungen mit in den Alltag?

Vielleicht am meisten: Durchhalten ist nicht dasselbe wie stur weitermachen.

Beim Wandern lernt man, dass Tempo relativ ist, dass falsche Technik teuer wird, dass kleine Entscheidungen große Wirkung haben und dass ein Abbruch manchmal keine Niederlage ist, sondern Selbsterkenntnis. Diese Logik nehme ich auch in meine Arbeit mit: Lernen funktioniert nicht über Beschämung, sondern über Verstehen, Anpassung und neue Versuche.

Ich möchte weder meine Arbeit noch meine Freizeit vollständig durchökonomisieren. Wenn sogar Erholung zur Pflicht wird, ist etwas schiefgelaufen. Wandern darf zweckfrei sein. Es darf schön sein. Es darf scheitern. Es darf politisch sein. Es darf Gemeinschaft schaffen.


5. Hast du Ziele, Routen oder Entfernungen, die du noch erreichen möchtest?

Natürlich reizen mich Strecken, Formate und Distanzen. Ich mag lange Wege, Ultras, Nachtwanderungen, verrückte Routen, auch das Spiel mit Zahlen, Höhenmetern und Grenzen.

Aber mein eigentliches Ziel ist nicht ein Medaillenbord. Mich interessiert eine Wanderwelt, in der lernendes Scheitern genauso viel zählt wie Finishen. In der Frauen nicht männliche Härtebilder kopieren müssen, um akzeptiert zu werden. In der Männer Körpersignale nicht ignorieren und daraus eine Ideologie basteln. In der Einsteiger nicht durch toxische Motivationssprüche neue Versagensängste bekommen.

Mein Ziel ist: mehr kluge Ausdauer, weniger Pose. Mehr Gemeinschaft, weniger Rangordnung. Mehr Durchhalten im menschlichen Sinn, nicht nur Maximalleistung.


6. Drei Tipps für Neueinsteiger

Erstens: Kopiere keine Heldenfigur. Weder mich noch irgendeinen YouTube-Kanal, der Leiden als Eintrittskarte verkauft. Dein Körper, dein Tempo, deine Geschichte.

Zweitens: Lerne Gehtechnik, Pausen, Essen, Trinken, Schuhe, Wetter und mentale Muster ernst zu nehmen. Viele „Tipps“ im Netz klingen stark, sind aber oft eher persönliche Rituale als wissenschaftlich fundiertes Wissen.

Drittens: Ein Abbruch ist nicht automatisch Scheitern. Manchmal ist er die intelligenteste Entscheidung des Tages. Wer wiederkommt, hat mehr gelernt als jemand, der sich aus Eitelkeit beschädigt.

Und vielleicht als vierter Tipp, weil ich mich selten an Vorgaben halte: Such dir Menschen, bei denen du nicht härter wirken musst, als du bist. Wandern beginnt dort, wo man losgehen darf, ohne sich vorher beweisen zu müssen.