Wann wurde aus unserer Freizeit eigentlich die nächste Herausforderung?
Über das Wandern, den Ehrgeiz und den Moment, in dem wir vergessen, warum wir überhaupt losgegangen sind.
Als ich 2024 anfing zu wandern, waren zehn Kilometer für mich eine echte Herausforderung.Ich erinnere mich noch gut daran. Meine Hüfte schmerzte, und ich dachte: Boah, bist du unfit.Ich wollte einfach raus. Gehen, den Wald entdecken, meinen Kopf frei bekommen. Damals hätte ich nicht gedacht, wohin mich diese ersten Schritte einmal führen würden.Denn schon bald merkte ich, dass beim Wandern etwas mit mir passierte.Meine Gedanken wurden klarer. Aus Problemen wurden manchmal Lösungen. Ich konnte Trauer verarbeiten, Dinge loslassen und manches überhaupt erst zulassen. Und ja, manchmal liefen mir einfach die Tränen über das Gesicht, während ich durch den Wald ging.Ich musste nichts erklären. Niemand erwartete etwas von mir. Ich musste nirgendwo ankommen, außer vielleicht ein kleines Stück mehr bei mir selbst.Der Wald hatte etwas Heilendes für mich. Ich genoss diese Zeit. Nicht, weil ich besonders weit kam. Sondern weil ich mich auf dem Weg wieder ein bisschen spürte.
Damals ging ich los, um mir selbst etwas Gutes zu tun. Ich wusste noch nicht, dass ich irgendwann anfangen würde, immer mehr von mir zu verlangen.
Wenn aus zehn Kilometern plötzlich dreißig werden
Mit der Zeit lernte ich andere Wanderer kennen. Ich entdeckte Communities rund um den Kölnmarsch, den Mammutmarsch und den Nordmarsch. Menschen, die ebenfalls draußen unterwegs waren, die sich Herausforderungen stellten und von ihren Erlebnissen erzählten.Und plötzlich bekam das Wandern eine neue Seite.Dreißig Kilometer? Wow! Das ist doch irre. Wie soll man das überhaupt schaffen?Indem man es macht.Also machte ich es.Es tat unglaublich weh. Aber ich schaffte es. Und ich war unfassbar stolz auf mich.Dieses Gefühl war überwältigend. Ich fühlte mich, als könnte ich alles schaffen. Als wäre ich unbezwingbar. Als hätte ich etwas über mich selbst herausgefunden, das ich vorher nicht kannte.Ich hatte meine Grenzen verschoben. Ich hatte etwas geschafft, das ich mir anfangs kaum vorstellen konnte.Und das war großartig.Ich möchte dieses Gefühl nicht kleinreden. Es ist etwas Besonderes, sich selbst etwas zuzutrauen und über sich hinauszuwachsen. Gerade dann, wenn man vorher geglaubt hat, etwas nicht zu können.Aber manchmal verändert sich etwas, ohne dass wir es sofort bemerken.Aus dem schönen Gefühl, etwas geschafft zu haben, wird langsam der Wunsch, noch mehr zu schaffen.Dreißig Kilometer sind plötzlich nicht mehr unglaublich weit. Sie sind das, was man eben schon kann.Und was kommt danach?Vierzig. Fünfzig. Vielleicht dreiundsechzig. Irgendwann stehen hundert Kilometer im Raum.Was früher unvorstellbar war, wird zum nächsten Ziel.Und während wir uns über jeden erreichten Meilenstein freuen, verschiebt sich unser Maßstab immer weiter.
Was gestern noch ein persönlicher Erfolg war, ist morgen vielleicht schon nicht mehr genug.
Wenn die Kilometer wichtiger werden als der Weg
Ich lief weiter. Ich stellte mich neuen Abenteuern und immer größeren Distanzen.Von außen bekam ich Zuspruch. Das schaffst du! Schau doch mal, wie weit du schon gekommen bist!Und ich glaubte daran. Warum auch nicht? Ich hatte schließlich schon so viel geschafft.Nur bemerkte ich irgendwann nicht mehr richtig, was dieser Ehrgeiz mit mir machte.Ich lief mit Schmerzen. Manchmal über sie hinweg. Ich machte weiter, obwohl es sich längst nicht mehr gut anfühlte.Und manchmal nahm ich meine Umgebung kaum noch wahr.Den Wald, der mir anfangs so viel bedeutet hatte. Das Licht zwischen den Bäumen. Die Ruhe. Die kleinen Dinge am Wegesrand.Ich war zwar draußen unterwegs, aber gedanklich schon beim nächsten Kilometer. Beim nächsten Ziel. Bei dem, was ich schaffen wollte.Wie verrückt ist das eigentlich?Wir gehen hinaus in die Natur, um Abstand vom Alltag zu gewinnen. Wir wollen frei sein, durchatmen und den Kopf leeren. Und irgendwann beschäftigen wir uns unterwegs mit nichts anderem mehr als unserer Leistung.Wie weit bin ich schon?Wie lange brauche ich noch?Kann ich das schaffen?Was ist mein nächstes Ziel?Wir messen, vergleichen, steigern und optimieren. Selbst die Freizeit bekommt Kennzahlen. Kilometer werden zu Erfolgen, Höhenmeter zu Herausforderungen und aus einem schönen Tag draußen wird eine Leistung, die wir am Ende vorweisen können.Dabei muss uns niemand dazu zwingen.Oft sind es nicht einmal andere Menschen, die diesen Druck tatsächlich aufbauen. Manchmal reicht es, in einer Gemeinschaft unterwegs zu sein, in der außergewöhnliche Distanzen zum Gesprächsthema werden. Wir sehen, was andere schaffen, hören ihre Geschichten und beginnen, unsere eigenen Möglichkeiten daran zu messen.Niemand muss ausdrücklich sagen, dass wir mehr leisten sollen.Es genügt manchmal schon das Gefühl, dass da noch mehr möglich wäre.Und wenn wir es schaffen können, warum sollten wir dann nicht weitermachen?Vielleicht, weil wir irgendwann vergessen, uns eine andere Frage zu stellen:
Will ich das gerade wirklich – oder will ich nur nicht zurückfallen?
Wenn aus Begeisterung ein stiller Leistungsdruck wird
Ich liebe das Wandern. Ich liebe es, draußen zu sein, neue Wege zu entdecken und mich Herausforderungen zu stellen.Aber heute merke ich, dass sich etwas verändert hat.Da ist dieses Gefühl, mehr liefern zu müssen. Noch mithalten zu müssen. Nicht stehen bleiben zu dürfen, während andere ihre nächsten Abenteuer planen und ihre neuen Distanzen erreichen.Und plötzlich macht etwas, das mir einmal so viel gegeben hat, mich unglücklich.Das ist ein schwieriger Gedanke. Denn wenn man etwas so sehr liebt, möchte man eigentlich nicht, dass es sich irgendwann wie eine Verpflichtung anfühlt.Man fragt sich, was passiert ist.Wo wollte ich eigentlich hin?Wo bin ich falsch abgebogen?War es falsch, ehrgeizig zu sein? War es falsch, meine Grenzen zu verschieben und zu entdecken, was ich schaffen kann?Nein. Das glaube ich nicht.Ich glaube, dass es wunderschön sein kann, Ziele zu haben. Dass wir wachsen dürfen, mutig sein und uns Dinge zutrauen können, die uns früher unmöglich erschienen.Aber ich glaube auch, dass wir aufpassen müssen, wenn aus einem Wunsch ein Muss wird.Wenn wir nicht mehr wandern, weil wir Lust darauf haben, sondern weil wir das Gefühl haben, trainieren zu müssen.Wenn wir eine kürzere Strecke nicht mehr genießen können, weil sie uns zu wenig erscheint.Wenn wir einen entspannten Spaziergang innerlich abwerten, weil er uns unserem nächsten Ziel nicht näherbringt.Und wenn wir uns selbst nicht mehr als erfolgreich empfinden, nur weil wir diesmal weniger geschafft haben.Dann geht es irgendwann nicht mehr nur um Kilometer.Dann geht es darum, welchen Wert wir unserer eigenen Leistung beimessen.Und darum, ob wir uns überhaupt noch erlauben, einfach zufrieden zu sein.
Ich möchte nicht mehr immer weiter
Ich weiß nicht, ob ich falsch abgebogen bin. Vielleicht war es auch einfach ein Weg, den ich gehen musste, um das zu erkennen.Ich durfte erleben, wie viel in mir steckt. Ich durfte stolz auf mich sein, Grenzen überwinden und Dinge schaffen, die ich mir 2024 niemals zugetraut hätte.Dafür bin ich dankbar.Aber ich möchte nicht, dass aus all dem eine Verpflichtung für die Zukunft wird.Ich möchte nicht bei jeder Wanderung überlegen müssen, ob die Strecke lang genug war. Ich möchte mich nicht mit anderen messen und anschließend das Gefühl haben, nicht mithalten zu können.Ich möchte gehen, weil ich gehen möchte.Mal zehn Kilometer. Mal zwanzig. Vielleicht auch einmal wieder eine richtig lange Strecke, wenn ich Lust darauf habe und mein Körper mitmacht.Aber nicht jedes Mal mehr. Nicht immer weiter. Nicht um jeden Preis.Ich möchte wieder wahrnehmen, was um mich herum ist. Ich möchte anhalten können, ohne das Gefühl zu haben, Zeit zu verlieren. Ich möchte eine Wanderung genießen dürfen, auch wenn am Ende keine beeindruckende Zahl dabei herauskommt.Und ich möchte aufhören, meinen Wert daran zu messen, was ich körperlich leisten kann.Denn mein Körper ist kein Projekt, das ständig verbessert werden muss. Und meine Freizeit ist keine weitere Aufgabe auf einer Liste, die ich möglichst erfolgreich abarbeiten sollte.Das zu erkennen, fällt mir nicht unbedingt leicht. Wenn man sich erst einmal an immer neue Herausforderungen gewöhnt hat, ist es gar nicht so einfach, wieder einen eigenen Maßstab zu finden.Aber vielleicht beginnt genau dort etwas Neues.Nicht mit dem nächsten großen Ziel.Sondern mit der Erlaubnis, selbst zu entscheiden, was mir guttut.
Was, wenn wir gar nicht mehr erleben müssen?
Wir leben in einer Zeit, in der selbst schöne Dinge schnell zu Projekten werden können.Wir wollen fitter werden, gesünder leben, mehr sehen, mehr erleben und unsere freie Zeit möglichst sinnvoll nutzen. Wir sammeln Eindrücke, planen Abenteuer und erzählen davon, was wir alles geschafft haben.Daran ist grundsätzlich nichts falsch.Aber müssen wir wirklich aus allem das Maximum herausholen?Muss eine Wanderung immer länger, anspruchsvoller oder außergewöhnlicher werden, damit sie etwas wert ist?Vielleicht ist eine kurze Runde durch den Wald manchmal genau das Richtige. Nicht als Vorbereitung für etwas Größeres. Nicht als Trainingseinheit, die wir abhaken. Nicht, weil wir heute nicht mehr geschafft haben.Sondern weil wir gerade dort sein möchten.Vielleicht ist ein Wochenende, an dem wir weniger unternehmen, nicht weniger wert als eines voller Erlebnisse.Vielleicht müssen wir nicht jede freie Stunde nutzen, um etwas aus unserem Leben herauszuholen.Vielleicht dürfen wir etwas erleben, ohne daraus eine Geschichte über unsere Leistungsfähigkeit zu machen.Und vielleicht ist es sogar eine besondere Form von Freiheit, eine Herausforderung bewusst nicht anzunehmen.Nicht, weil wir sie nicht schaffen würden.Sondern weil wir uns fragen, ob wir sie überhaupt wollen.
Ich möchte wieder wissen, warum ich losgehe
Wenn ich an meine ersten Wanderungen zurückdenke, erinnere ich mich nicht nur an die zehn Kilometer und meine schmerzende Hüfte.Ich erinnere mich daran, wie gut mir der Waldgetan hat. Wie meine Gedanken ruhiger wurden. Wie ich Dinge verarbeiten konnte, für die mir im Alltag manchmal die Worte fehlten.Ich erinnere mich an dieses Gefühl, einfach unterwegs zu sein.Vielleicht möchte ich genau das wiederfinden.Nicht, indem ich meine früheren Wanderungen romantisiere oder auf neue Herausforderungen verzichte. Sondern indem ich mir selbst wieder zuhöre.Was brauche ich heute?Wie weit möchte ich gehen?Tut mir diese Strecke gut?Habe ich Freude daran, oder versuche ich gerade nur, einem Anspruch gerecht zu werden, den ich irgendwann selbst an mich gestellt habe?Ich möchte meine Begeisterung für das Wandern nicht verlieren. Ich möchte sie mir zurückholen.Und dazu gehört für mich, dass ich nicht mehr jede Grenze verschieben muss, nur weil ich es könnte.Dass ich stolz auf fünfzig Kilometer sein darf, ohne daraus die Verpflichtung abzuleiten, beim nächsten Mal noch weiter gehen zu müssen.Dass ich mich über meine Fortschritte freuen kann, ohne ständig nach dem nächsten Fortschritt zu suchen.Und dass ich auch dann eine Wanderin bin, wenn ich einen Tag lang einfach nur durch den Wald gehe.Ohne Rekord. Ohne Zielzeit. Ohne Beweis.Nur ich und der Weg.Vielleicht ist das kein Rückschritt.
Vielleicht ist es der Moment, in dem ich wieder selbst bestimme, wohin mein Weg führen soll.
Denn ich möchte mein Leben nicht damit verbringen, immer weiter zu gehen, nur um irgendwann festzustellen, dass ich unterwegs vergessen habe, es zu erleben.
Und du?
Kennst du dieses Gefühl, dass selbst deine Freizeit irgendwann zu einer Leistung werden muss? Dass du immer mehr schaffen möchtest und dabei manchmal vergisst, warum du überhaupt angefangen hast?
Vielleicht müssen wir nicht alle langsamer werden.
Vielleicht müssen wir nur wieder lernen, selbst zu entscheiden, welches Tempo zu unserem Leben passt.
Wenn aus Nebel Leben wird – manchmal beginnt Veränderung mit der Frage, ob wir überhaupt noch in die Richtung gehen möchten, in die wir gerade laufen.