Wenn du frei hast, aber dich trotzdem nicht frei fühlst

Über Erschöpfung, Erwartungen und die merkwürdige Schwierigkeit, einfach einmal nichts zu tun.

Wir leben in einer schnellen, leistungsstarken Zeit. Überall wird gemacht, getan, trainiert, optimiert und nach neuen Herausforderungen gesucht. Kaum hat man etwas erreicht, wartet schon das nächste Ziel.Ich spreche dabei nur aus meinem eigenen Blickwinkel. Gerade in der Wanderwelt bekomme ich das immer wieder mit. Menschen trainieren für den nächsten Marsch, absolvieren einen nach dem anderen, steigern ihre Distanzen und erzählen von ihren nächsten Vorhaben.Und ich?Ich gehe inzwischen sehr bewusst. Richte meinen Blick auf die Natur, nehme wahr, was um mich herum passiert, und genieße es, einfach draußen zu sein.Vergleiche bringen nichts. Das weiß ich.Und trotzdem kann ich mich nicht immer davon freimachen.Während andere laufen, walken, wandern, machen und tun, entsteht in mir manchmal das Gefühl von Stillstand.Als würde ich nicht richtig mitkommen. Als würde ich etwas verpassen. Oder als müsste ich mich wieder mehr bewegen, mehr erleben, mehr unternehmen.Dabei ist es eigentlich genau das, was ich gerade nicht möchte.

„Und, was machst du am Wochenende?“

Eine ganz normale Frage.Und doch kann sie manchmal mehr auslösen, als man denkt.„Wo bist du unterwegs?“„Welche Wanderung steht an?“„Was hast du geplant?“Ähm … nirgends.Letztes Jahr war ich gefühlt ständig unterwegs. Es gab Wanderungen, Veranstaltungen, Ziele und Erlebnisse. Ich war viel draußen und habe einiges unternommen.Dieses Jahr bin ich einfach gerne zu Hause.Bei meinen Kaninchen. Mit einem schönen Film. Einem Buch. In aller Ruhe.Ohne Leistung. Ohne Druck. Ohne das Bedürfnis, unbedingt noch irgendwohin zu müssen.Und das Kuriose daran ist: Ich genieße diese Zeit.Trotzdem meldet sich manchmal ein schlechtes Gewissen.Als hätte ich meine freie Zeit nicht richtig genutzt.Als wäre ein Wochenende erst dann ein gutes Wochenende, wenn ich etwas erlebt, geschafft oder vorzuweisen habe.Und genau da beginnt für mich eine interessante Frage.

Warum fühlt sich eine freie Zeit manchmal erst dann wertvoll an, wenn wir etwas aus ihr gemacht haben?

Wenn freie Zeit plötzlich zur Aufgabe wird

Eigentlich sollte freie Zeit genau das sein: Zeit, über die wir selbst bestimmen dürfen.Wir können sie draußen verbringen, uns bewegen, Freunde treffen, etwas unternehmen oder einfach zu Hause bleiben.Doch irgendwie scheint sich auch unsere Freizeit immer mehr mit Erwartungen zu füllen.Wir möchten fit bleiben. Uns gesund halten. Etwas erleben. Neue Orte entdecken. Uns weiterentwickeln. Vielleicht sogar die freie Zeit möglichst sinnvoll nutzen.Und wenn wir dann einmal nichts machen, entsteht schnell das Gefühl, dass wir etwas versäumt haben.Dabei ist es doch seltsam.Wir arbeiten, erledigen Verpflichtungen und organisieren unseren Alltag. Dann kommt endlich das Wochenende – und plötzlich stehen wir vor der nächsten Liste.Nur diesmal nennen wir sie nicht Arbeit.Wir nennen sie Freizeit.Und manchmal ist sie genauso voll.

Das unsichtbare Publikum in unserem Kopf

Ich glaube, ein Teil dieses Drucks entsteht durch Vergleiche.Nicht unbedingt, weil wir anderen ihre Erlebnisse nicht gönnen.Sondern weil wir sehen, was andere machen, und unbewusst anfangen, unser eigenes Leben daran zu messen.Wer war wo? Wer hat was geschafft? Wer hat welche Strecke absolviert? Wer hat neue Ziele?Und plötzlich wirkt das eigene ruhige Wochenende irgendwie klein.Dabei wissen wir gar nicht, wie es den anderen wirklich geht. Wir sehen ihre Aktivitäten, ihre Erfolge und ihre Erlebnisse.Aber wir sehen nicht unbedingt ihre Erschöpfung. Ihre Zweifel. Ihre Gründe, warum sie immer weiter machen.Und genauso wenig wissen andere, warum wir gerade einen Gang zurückschalten.Vielleicht ist es deshalb wichtig, sich daran zu erinnern, dass wir nicht das ganze Leben anderer Menschen sehen.Wir sehen nur einen Ausschnitt.Und aus diesem Ausschnitt machen wir manchmal einen Maßstab für unser eigenes Leben.

Wenn man sich für Ruhe rechtfertigen möchte

Das beschäftigt mich besonders.Warum fällt es uns manchmal so schwer, einfach zu sagen:„Ich bleibe dieses Wochenende zu Hause.“Ohne Erklärung.Ohne den Zusatz, dass man ja nächste Woche wieder etwas vorhat.Ohne sich dafür zu rechtfertigen, dass man gerade keine Lust auf eine Wanderung, einen Ausflug oder irgendeine andere Aktivität hat.Vielleicht, weil wir uns selbst nicht immer erlauben, diese Entscheidung als ausreichend anzusehen.Vielleicht, weil wir gelernt haben, dass Aktivität etwas Positives ist. Dass Bewegung gut ist. Dass Erlebnisse bereichern. Dass man seine Zeit nutzen sollte.Und all das stimmt ja auch.Aber es bedeutet nicht, dass jede freie Stunde genutzt werden muss.Es bedeutet nicht, dass wir immer etwas erleben müssen.Und es bedeutet ganz sicher nicht, dass ein ruhiges Wochenende weniger wert ist als ein aktives.

Ist Ruhe wirklich Stillstand?

Ich frage mich manchmal, warum ich das Gefühl von Stillstand überhaupt mit Ruhe verbinde.Ich bin doch nicht stehen geblieben.Ich habe lediglich meine Aufmerksamkeit verändert.Vielleicht möchte ich nicht mehr jede freie Zeit mit einem Erlebnis füllen.Vielleicht möchte ich nicht ständig irgendwo unterwegs sein.Vielleicht möchte ich die Natur nicht nur als Ziel sehen, sondern als etwas, das ich in meinem eigenen Tempo wahrnehmen darf.Und vielleicht möchte ich auch einfach einmal zu Hause sein.Das ist kein Rückschritt.Es ist eine Entscheidung darüber, wie ich meine Zeit verbringen möchte.Denn nicht jede Veränderung muss sichtbar sein.Nicht jede Entwicklung muss ein neues Ziel hervorbringen.Und nicht jedes Wochenende muss eine Geschichte liefern, die man später erzählen kann.Manchmal ist es einfach schön, wenn nichts Besonderes passiert.

Wenn die Freude langsam zum Druck wird

Was mich daran nachdenklich macht, ist die Vorstellung, dass dieser ständige Druck irgendwann sogar die Freude an den Dingen nehmen könnte, die wir eigentlich lieben.Wenn aus Wandern eine Verpflichtung wird.Wenn aus Bewegung ein Muss wird.Wenn aus einem Hobby eine weitere Aufgabe entsteht, die wir erfüllen müssen.Dann wäre doch etwas verloren gegangen.Denn ich möchte draußen sein, weil ich es liebe.Ich möchte gehen, weil mich die Natur berührt.Ich möchte Erlebnisse sammeln, weil sie mein Leben bereichern.Nicht, weil ich das Gefühl habe, mithalten zu müssen.Und ich möchte auch einmal nicht gehen, ohne dass daraus ein Problem wird.Vielleicht ist genau das ein Teil von Freiheit: nicht nur tun zu können, was man möchte, sondern auch lassen zu dürfen, was man gerade nicht möchte.

Es ist völlig okay, einfach einmal nichts zu tun

Vielleicht müssen wir unsere freie Zeit gar nicht so sehr optimieren.Vielleicht müssen wir nicht immer etwas daraus machen.Vielleicht darf ein Wochenende einfach ein Wochenende sein.Mit einem Buch. Einem Film. Einem ruhigen Morgen. Mit den Menschen oder Tieren, die uns guttun.Oder ganz allein.Ohne großes Vorhaben.Ohne schlechtes Gewissen.Und ohne Erklärung.Denn wir müssen nicht ständig liefern.Nicht im Beruf. Nicht in unserer Freizeit. Und auch nicht vor uns selbst.Ich möchte mir jedenfalls wieder mehr erlauben, meine Zeit so zu verbringen, wie sie sich für mich richtig anfühlt.Mal draußen. Mal zu Hause.Mal voller Erlebnisse. Mal vollkommen ruhig.Und wenn mich jemand fragt, was ich am Wochenende mache, darf die Antwort auch einfach lauten:„Nichts Besonderes. Ich bin einfach da.“Vielleicht ist das manchmal schon mehr, als wir uns erlauben.

Und vielleicht ist es genau das, was wir wieder lernen dürfen: Nicht jede freie Zeit muss gefüllt werden, damit sie wertvoll ist.

Wie geht es dir damit?

Kannst du freie Zeit genießen, ohne etwas daraus machen zu müssen? Oder kennst du dieses Gefühl, dich für ein ruhiges Wochenende beinahe rechtfertigen zu wollen?

Manchmal lohnt es sich, genau dort einmal hinzuschauen.